Mangel an Informatikern wird zum Wachstumshemmnis
Seit etwa vier Jahren neigen Abiturientinnen und Abiturienten dazu, sich eher
in geistes und sozialwissenschaftlichen als in natur- und ingenieurwissenschaft-
lichen Fächern einzuschreiben. Dabei boomt der Arbeitsmarkt für Informatiker
mehr und mehr.
"Der Fachbereich Informatik der Universität Dortmund erlebt einen Nachfrageboom
nach Absolventinnen und Absolventen wie seit zirka 15 Jahren nicht mehr', heisst
es in einem Papier des Dekanats Informatik. Hans Decker, Akademischer Oberrat
am Dekanat, führt aus: "jeden Tag schicken uns Firmen zwei Stellenanzeigen zu."
Im vergangenen Jahr schlossen über 180 Informatiker ihr Studium ab. Noch bevor
sie ihre letzte Prüfung absolvierten, hatten sie bereits einen Job in der
Tasche. Doch dieser Tatsache nicht genug: "Es ist wie in der guten alten Zeit",
meint Decker. "Die Absolventen hatten fast eine beliebige Anzahl an Stellenange-
boten, unter denen sie auswählen konnten."
Der Engpass bei Dortmunder IT-Unternehmen ist gross: In den vergangenen Monaten
konnten Firmen im Technologiepark, einem Gelände für weit mehr als 100 Unter-
nehmen aus dem High-Tech-Bereich, neue Projekte zum Teil nicht durchführen, weil
das Fachpersonal nicht zur Verfügung stand, Helmut Ludwigs, geschäftsführender
Gesellschafter der Quantum GmbH, beklagt: "Der Mangel an ausgebildeten Infor-
matikem ist zur Zeit unser grösstes Wachstumshindernis." Seine 200-Mann-Firma,
die 35 Mitarbeiter starke Comline und die Materna GmbH, die bundesweit 410 Ange-
stellte beschäftigt, könnten innerhalb der nächsten zwölf Monate einen gesamten
Jahrgang von 150 Diplom-Informatikern einstellen.
Dortmund ist nur ein Beispiel. Im Juni 1997 meldeten die deutschen Arbeitsämter
1033 offene Stellen für Informatiker mit Hochschulabschluss. Dazu ist noch die
wesentlich grössere Zahl an Stellenausschreibungen ausserhalb der Arbeitsverwal-
tung - eben direkt an Hochschulen, in Zeitungen und Zeitschriften - zu rechnen.
Die Stellenanzeigen für akademisch ausgebildete Informatiker sind, wie eine
Analyse des Hamburger EMC Medienservice aus 40 Tageszeitungen ergab, von 1995
auf 1996 um mehr als 3000 auf 13500 gestiegen. Diese Zahl entspricht den Ange-
boten für Mathematiker, Physiker, Chemiker, Biologen, Mediziner, Sozialpädago-
gen, Juristen und Redakteuren zusammengenommen. Im Bereich der Softwareprodukt-
ion nahmen die Anzeigen innerhalb dieses Zeitraums sogar um 112 Prozent zu.
Ein Blick über den Teich, wo die Technologieentwicklung der deutschen in der
Regel um zwei bis drei Jahre voraus ist: In den USA können zur Zeit 190000 Stel-
len in grossen und mittleren IT-Untemehmen nicht besetzt werden, da die Nach-
wuchskräfte fehlen. Das ergab eine Untersuchung der Information, Technology
Association of America (ITAA) im Mai. Die Firmen befürchten, dass sich ihr
Wachstum verlangsamt und sie - wegen stark steigender Gehälter der Mitarbeiter -
an Profitabilität verlieren.
Bei all den Good news für diplomierte und angehende Informatiker sind nicht nur
die Beschäftigungsaussichten hervorragend: "Der Informatikmarkt bietet heute
allen qualifizierten Absolventen von Hochschulen ausgezeichnete Berufspers-
pektiven", sagt Winfried Materna, geschäftsführender Gesellschafter der Matema
GmbH. "Die Gehaltsentwicklung ist positiv, die technischen wie persönlichen
Entwicklungsmöglichkeiten sind exzellent." Roland Bracht, geschäftsführender
Comline-Gesellschafter, meint: "In keinem anderen Berufsfeld kann sich ein
30jähriger so schnell in verantwortliche Positionen vorarbeiten wie in der
Informatik."
Claudia Schilpp
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